Norbert regt sich auf vom 15.8.2005
über
Emotionen pur
Was macht man an einem Sonntag? Genau! Man fährt zur zweiten Mannschaft. Leider verkaufte sich diesmal der Bus nicht wirklich gut, so dass meinereiner mal – ausnahmsweise – einen Verlust verbuchen musste. Naja, hoffe ich, dass sich der nächste Bus zur 2. Mannschaft wieder besser verkauft. Wobei ich das gehypte Spiel gegen Meppen nicht wirklich mit einem Bus besuchen will, da die Anstosszeit von 18 Uhr nicht gerade dazu einlädt danach noch an einem Sonntag über 3 Stunden im Bus zu verbringen. Aber zu Eiter Büdelsdorf sollten wir doch wieder einen Bus zusammen bekommen, oder? Anmeldung ab sofort (das Spiel ist bisher Freitag 14.10 terminiert) ;-) Oder wir müssen hoffen, dass Wilhelmshaven noch merkt, dass eine parallele Terminierung zur 1. Mannschaft nicht sinnvoll ist.
Zu der geringen Anmeldezahl kamen noch erhebliche krankheitsbedingte Ausfälle, welche die Mitfahrerzahl auf 14 Leute reduzierte. Und da waren schon die beiden spontanen Mitfahrer Klaus und H. mit eingerechnet. H. war sowieso gross. Es ist halb neun, mein Handy klingelt. „Guten Tag H. hier, schreibst du nun schwarze Zahlen?“ „Nein, aber wenn du schon wach bist, dann kannst du auch her kommen.“ „Schreibst du dann schwarze Zahlen?“ „Ne, das wird heute nix mehr, aber komm mal vorbei.“ „Okay“ „Gut, dann bis in 10 Minuten.“
Sehr schön auch mein Freund Promi, welcher ehrlich und ohne Witz die Nacht durchgemacht hatte. Und dies obwohl er bereits Freitag auf Samstag immerhin 2 Stunden geschlafen hatte. Keine schlechte Ausbeute für ein ganzes Wochenende. Hinzu kam, dass der echt noch einer der Leute war, die am aktivsten waren. Erstaunlich fit ist der ja auch nicht mehr ganz so junge Mann…
Was macht man sonst so auf der Hinfahrt? Elvis bejubelte Brücken und wir fragten uns – zum wiederholten Mal – wie es eigentlich seine Frau mit ihm aushält. Der Rest amüsierte sich mit dem Lesen von Titanic, irgendwelchen Sonntagszeitungen, Übersteiger und Bravo. Gerade letztere scheint bei Menschen um die 30 Gefühle der Jugend freizusetzen. Wie sonst ist zu erklären, dass sich die Leute drum reissen?
In Osnabrück angekommen galt es, den Ground zu finden. Dieses erwies sich als äusserst schwierig, da das Stadion auf einem Hügel lag und von Strassen umringt war, die nur bis 3,7 Tonnen zugelassen waren. Und diese überschritten wir dann doch, wahrscheinlich auch, weil ich im Bus sass ;-) So kurvten wir gut 20 Minuten durch Osnabrück und beschlossen dann, unseren Bus vor der Bremer Brücke (neudeutsch „Osnatel Arena“ genannt) abzustellen, da diese nur einen kleinen Fussweg weg lag. Und hier fanden wir es. Das Plakat, welches dem Tag sein Motto gab und echt für Emotionen pur sorgte. Eine Spielankündigung des Vfl Osnabrück für ein Heimspiel gegen Leverkusen II, welches ohne Witz mit „Emotionen pur“ überschrieben war. Ein Poserfoto der nahezu gesamten Gruppe vor diesem Plakat konnten wir uns dann nicht verkneifen.
Danach spazierte unsere kleine Reisegruppe geschlossen zum Stadion. Auf dem Weg wurde über Kondomautomaten und AusPÜFFE („Guck mal, ein Tarnpuff“) diskutiert und sich gefragt, wo wir was zu Essen bekommen. Der Plan, einfach irgendwo zu klingeln und zu fragen, ob die betreffende Person 10 Steaks und drei vegetarische Würstchen auf Grill wirft, wurde verworfen und auf ein Klubheim vor Ort gehofft.
Erstmal galt es jedoch den Eingang zu überstehen, und dies erwies sich schon als Problem. Zum einen hatten die noch nicht wirklich geöffnet und zum anderen erwies sich der Ordnerdienst als vollkommen überfordert. Die wollten wirklich ohne Witz vollständige Eingangskontrollen mit durchsuchen und allem machen. Mal ganz ehrlich: Das war hier vierte Liga und nicht Bundesliga. Ich hatte schon beinah Angst, dass die wegen der Kamera anfangen zu diskutieren, aber erstaunlicherweise taten sie dieses nicht.
Auch das Klubheim musste erstmal für uns aufgeschlossen werden. Angeblich hatten die uns nicht so früh erwartet. Promi vermutete, dass die erstmal mehr Personal einstellen, weil die denken, es kommen immer so viele Leute und trinken soviel. Sehr gut auch, dass es weder am Eingang noch in der Kneipe irgendein Wechselgeld gab. Weizenbier gab es erst nach Bitten und nachdem ich denen erklärt habe, dass West Brom wild wird, wenn er kein Weizenbier bekommt, und ich den dann beruhigen muss auf der Rückfahrt. Insgesamt war die Kneipe mehr als - wie soll ich sagen? Ich glaube „rustikal“ ist der richtige Ausdruck. Die Stuhle und Tische sahen aus wie aus einer Schule geklaut, auf dem Fenstersims fanden sich Modell-LKWs und die Fussbodenfliessen waren echt Stil 1970.
Neben uns fanden sich noch drei St. Pauli-lastige Hopper ein und zwei nette Herren, die doch sehr nach Zivilpolizisten aussahen. Irgendwie kam mir der eine auch sehr bekannt vor. Wenn dieses denn Zivis waren, dann fragt man sich eigentlich, wofür unsere Stadt alles Geld hat. Denn da ist nix passiert und da konnte auch nix passieren.
Wir liessen uns die Stimmung jedoch nicht vermiesen und mit Elvis seiner Schlager-CD ging richtig der Punk im Klubheim ab. Irgendwann war es dann doch Zeit, dem Spiel beizuwohnen. Der Ground (Klushügel genannt) ist eigentlich ganz schön in ein kleines Waldstück eingerahmt und hat auf der einen Seite eine Stehtribüne. Aber um wirklich schön zu sein, müsste er einfach kleiner und enger sein. Insgesamt ist das ganze viel zu weitläufig.
Während ich meinen üblichen Posten hinter dem Tor bezog wurde der Rest auf die Tribüne gescheucht. Die Ordner waren wirklich vollkommen überfordert und man fragte sich allen Ernstes, was die eigentlich wollten. Hinter dem einen Tor war noch ein Grandplatz und selbst wenn man auf diesem stehen blieb (und damit ca. 50m weg vom Platz war), wurde man dort weggeschickt.
Nun ja, ich blieb aufgrund meiner Kamera unbehelligt und konnte mich so dem Fotomachen widmen.
Zusammen mit dem „Offenen Bein Bramsche“ und einigen weiteren versprengten St. Paulianern ergab sich doch ein ansehnlicher Block, welcher die Osnabrückern, die darüber lästerten, dass unserer Bus ja anscheinend nur im Internet existieren würde, eines besseren belehrte. Der Support war über 90 Minuten genau das, was ich mir unter Support vorstelle. Mal ruhig, dann wieder richtig laut, wenn die Mannschaft etwas besser kam. Eben nicht 90 Minuten sing sang, sondern auch mal stumm, wenn einfach nix passierte, dann aber wieder richtig aggressiv und supportend. Eingemischt wurde auch viel Witz und Humor. So sollte ich mehrfach winken und anstatt „unser ganzes Leben, unsre ganze Kraft“ wurde „unsre ganze Leber, unser ganzer Gerstensaft“ oder so ähnlich gesungen wurde.
Unsere Mannschaft spielte eigentlich gefällig mit, aber wenn man ohne Abwehr spielt und sich teilweise hinten wie die Anfänger ausspielen lässt, dann verliert man. Insbesondere wenn man dann seine vielen Chancen nicht nutzt und teilweise sträflich versemmelt.
Zwar wurde es nach einem Elfmeter noch mal spannend, aber so wirklich eine Chance zum Ausgleich hatten wir nicht. In den letzten Minuten bekamen wir wieder Bekanntschaft mit dem super wichtigen Ordnungsdienst, welcher Elvis davon abhielt, Fotos auf der Aschenbahn zu machen und mir verbot, auf der „Rasenfläche“ (wohlgemerkt hinter dem eigentlichen Feld) zu stehen. Naja, es war sowieso vorbei und viel mehr als ein spöttisches „Ist schon toll, mal Macht zu haben.“ bekam der Ordner dann auch nicht mehr. Wenn man sonst nix im Leben hat, dann muss man halt Fussballfans drangsalieren.
Nach dem Abpfiff wurde die Mannschaft erstmal ausreichend gefeiert und bedankte sich auch für den Support. Das und der Fakt, dass vor dem Spiel Michi Hempen an unseren Tisch zum schnacken kam, ist was so schön an der 2. Mannschaft ist. Gemeinsam sollte es wieder zurück zum Bus gehen, aber wir hatten zwei Leute verloren. Nach kurzer Suche kamen wir dann auch auf die Idee, dass die schon in Richtung Bus gestartet sind. Dort fanden wir sie dann auch. So konnten wir dann die Rückfahrt beginnen, auf der wir uns jetzt immer noch befinden. Promi ist immer noch wach und auch sonst amüsieren sich alle Mitfahrer auf ihre Art. Und dies insbesondere über Herrn BiB und Herrn Klaus. Herr BiB verabschiedete sich erstmal von der Welt, aber nur um irgendwann wieder aufzuwachen und Klaus erstmal zu fragen, was sein Shirt (ein NoMeansNo-Shirt mit einem abstrakten Bild vorne drauf) da eigentlich zeige. Naja, da war man ja auch erst ca. 10 Stunden gemeinsam unterwegs. Als Herr BiB dann wieder ins Land der Träume abzog, hielt Klaus erstmal einen Nachruf auf ihn, den ich echt nicht wiedergeben kann, der aber urkomisch war. Irgendwann fragte ein anderer Herr (Namen sind Schall und Rauch) dann die Damen in der Runde, wer denn nun mit ihm Sex haben wolle heute Abend. So richtig konnte sich keine begeistern, so dass man(n) bei dem Vorschlag „rechte Hand“ blieb. Okay, bis hier eigentlich nur Standard und niveaulos, aber als jemand sagte „Aber nicht, dass man mit der auch noch flirten muss“ und Klaus genau dieses vorspielt, dann ist das zum schreien komisch.
Abschliessend noch ein paar Worte zu den Osnabrück Ultras. Die verkauften ihre Postille namens „Im Zeichen der Maske“ in der Halbzeit und in dieser findet sich folgende Aussage zu unserem Auftritt (mit der 1. Mannschaft) in Osnabrück: „Eine arrogante, unsympathische Mannschaft, eine Kurve deren „Anführer“ auf „Ultra Ternana“ machen, in der der Rest schweigsam den „Kult“ des St. Pauli geniesst und mehr Zecke als Fan ist und Gestalten die nicht nur mit Spritzen und Heroinvorräten die Bremer Brücke betreten wollen sondern auch dafür sorgten dass unsere Ordner nachher vermutlich mehr Gras eingesammelt hatten als auf dem Spielfeld zu sehen war ?“ (ich habe kein Komma zu wenig abgetippt, es steht da so). Okay, wer so etwas schreibt, der disqualifiziert sich gepflegt selbst. Nicht mehr und nicht weniger. Da hilft es auch nix, dass das Zine sonst einen ganz netten Eindruck macht und den „Tibetischen Widerstand“ grüsst. Nur warum regt man sich eigentlich an anderer Stelle über Politik im Stadion auf?
Und noch ein Wort zu unserem Busfahrer. MannMannMann, still und nett eigentlich, aber wenn man ihm 10 Mal erklärt, dass wir an einer bestimmten Abfahrt raus wollen und er es beim 10. Mal nicht kapiert hat, dann nervt es irgendwann. Nur ein „Hier jetzt raus“ half. Eine Ankündigung fünf Kilometer vorher half gar nix. Führt mal so jemanden durch den Osnabrücker Stadtverkehr. Der Höhepunkt war echt erreicht, als Hasso auch versuchte ihm zu erklären, dass er am Neuen Pferdemarkt kurz halten sollte. Das überforderte ihn sichtlich.
… der neue Übersteiger, dessen Artikel über ehemalige Mitarbeiter im Verein einen nur in Schock erstarren lässt. Ganz schön happige Vorwürfe, wenn mich jemand fragt.
… die CDU/CSU, die nichts unversucht lässt um die Wahl doch noch zu verlieren. Nicht nur Stoibers „Frustrierten“-Rede war echt grosse Klasse, nein, auch unser Bürgermeister zeigt mal wieder, dass er den Einsatz und die Arbeit nicht erfunden hat. Da nimmt er doch echt nicht an einer Wahlkampfveranstaltung mit Stoiber in Hamburg teil und will sich insgesamt im Wahlkampf eher zurückhalten, weil er eine überparteiliche Akzeptanz in Hamburg habe und diese nicht gefährden wolle. Diese Ausrede ist nun mehr als schwach. Jeder Hamburger sollte auch so wissen, dass er mit dem Schaf von Beust den Wolf CDU gewählt hat. Und die stümperhafte Politik seines Senates sollte auch auf ihn zurückfallen. Und ganz ehrlich: Ich will als Bürgermeister doch keinen politischen Eunuchen, der nicht für seine Partei eintreten mag, weil er Angst hat, dass diese nicht so beliebt ist wie er. Daher: Ganz schwache Ausrede. Ich glaube vielmehr, dass er einfach keine Lust hatte.
… die Stadionordnung der Allianzarena, welche folgende Regelung enthält:
„(1) Den Besuchern der Arena ist das Mitführen folgender Gegenstände untersagt: a) Gewaltverherrlichendes, rassistisches, fremdenfeindliches und rechts- bzw. linksradikales Propagandamaterial;
Die DFB-Mustersatzung hingegen spricht von:
„(1) Den Besuchern des Stadions ist das Mitführen folgen der Gegenstände untersagt:a) Rassistisches, fremdenfeindliches und rechtsradikales Propagandamaterial;
Okay, prinzipiell mag da was dran sein, dass auch linksradikal nicht gerade gewünscht, was mich daran aber stört ist folgendes: Ein Problem mit linksradikalen Fans hatten wir in Deutschland noch nie. Mal ganz davon ab, dass sich diese nicht durch linksradikale Beschimpfung ausländischer Spieler (gibt es so etwas?) hervortun. Daher wirkt das ganze mir ein bisschen gleichmacherisch. Mal ganz davon ab, dass ich sowohl mit „rechtsradikal“ und noch mehr mit „linksradikal“ ein Definitionsproblem habe. In Bayern wäre wahrscheinlich schon ein T-Shirt der Grünen linksradikal, während dies in Hamburg gemässigte Mitte wäre.
Und ich freu mich ja schon wieder auf unseren nächsten Besuch in München, wenn wieder die Disku