Norbert regt sich auf vom 30.10.2006 (!!!!)
über
Definiere „Arbeitssieg“
oder
Küssen nun Frauen oder Männer besser?
Liebe Leser, der Monat der Wahrheit naht. Im November hat unser Chaotenverein sechs Spiele der 1. Mannschaft zu bestreiten, die es – um es mal einfach zu sagen – in sich haben. Oder wie will man Lokalrivale im Oddsetpokal und Düsseldorf, Dresden und Osnabrück in der Liga nennen? Falls wir durch diesen Monat mit 4 Punkten Rückstand auf den ersten Platz kommen, dann steigen wir auf. Das behaupte ich jetzt mal so.
Freitagabendspiele eignen sich immer dazu, danach einen drauf zu machen, und so beschloss ich, dass ich nach einem eventuellen Heimsieg die Nacht noch ein bisschen zum Tag machen wollte. Aber nur, falls wir gewinnen würden. So wurde sich schnell mit der Poolbewohnerin verabredet und nun musste eigentlich nur noch unsere Truppe gewinnen.
Nun ja, aber vor dem Spiel ist auch vor den Ritualen und die wurden mit einem halben Hahn und anderen Sachen wie immer eingehalten. Im Fanladen waren nicht nur die üblichen Westler vertreten, nein, auch die Schweizer Nationalmannschaft hatte mal wieder ihre beiden besten Spieler geschickt. Einem Partyabend stand also nix im Wege.
Mit Olespapa und dem Phil wurde im Fanladen noch kurz über die Gründung einer neuen Choreovereinigung diskutiert, aber das hier auszuführen wäre noch zu früh, denn noch ist nix spruchreif. Aber vielleicht ändert sich das schon bald und dann werdet ihr es hier erfahren. Schlechte Choreoideen haben wir schon im Dutzend billiger.
Auf zum Stadion, wo die AFM kurz mit Karten eingedeckt und Knuffi mit ihren Stadionklamotten versorgt wurde.
Relativ direkt ging es auf meinen Stehplatz, wo bereits gut was los war. Fahelor hatte schon volle Stimme erlangt und weckte erstmal alle aus ihrer Lethargie, in dem er bereits 50 Minuten vor dem Spiel Schlachtgesänge anstimmte. Vor uns wurden noch die Tipps ausgewertet, wobei die Erwartung bei den meisten halt ein hoher Sieg war. Nur mein Nachbar hatte ein 1-0 getippt.
Als Choreo wurden viele „Kein Mensch ist illegal“-Plakate gehalten, wobei ich dem ganzen anliegen etwas skeptisch gegenüberstehe. Der Spruch hat etwas Gutes, weil er auf die vollkommen verunglückte Wortwahl „illegal“ hinweist. Aber ob das Problem „Nord/Süd-Armutsgefälle“ durch offene Grenzen und einen ungehinderten Flüchtlingsstrom zu bekämpfen ist, wage ich doch mal zu bezweifeln. Sprich: solche Plakate sind mir auch zu pauschal für ein absolut komplexes und schwieriges Thema, dessen Aufarbeitung aber den Rahmen eines Fussballberichtes sprengen würde und zu dem ich noch nie eine wirklich sinnvolle Lösung gehört habe. Inwieweit allgemeinpolitische Themen ohne Bezug zum Fussball in Choreos getragen werden müssen ist auch eine Frage, die aus meiner Sicht bisher nicht diskutiert ist. Ich persönlich hab da doch so ein bisschen Vorbehalte. Ich sehe einfach den Zusammenhang nicht.
Die Halbzeitchoreo, die klar gegen Nazis war und gegen die unsinnigen Gerichtsurteile, die durchgestrichene Hakenkreuze verbieten, war da schon eher mit Fussballzusammenhang und absolut gelungen.
Ansonsten war das ganze Spiel über eigentlich keine Stimmung vorhanden. Von links ein bisschen getrommel, von rechts mal ein Wechselgesang, das war’s.
Das Spiel war so schwarz-weiss wie die beiden Mannschaftsfarben. Farbe brachte nicht einmal der in rot gekleidete (off topic: den White Stripes hätte diese farbliche Kombination der Mannschaften gefallen) Schiri in das Spiel, denn seine erste und einzige gelbe Karte gab es in der 85. Minute oder so.
So wurde das Publikum immer unruhiger, was auf unserer Höhe teilweise in wüste Bepöbelungen der Mannschaft (hallo, OZ), teilweise in ruhiges Kopfschütteln und teilweise in kühle Analyse umgesetzt wurde. Nur einer war sehr zufrieden. T. (der Nachbar, der bereits oben erwähnt wurde) hatte nämlich 1-0 getippt und wurde von Minute zu Minute zufriedener.
Und hier ist das Problem. So wirklich unzufrieden kann auch ich mit der Leistung nicht sein. Über 80 Minuten wurde der Gegner an die Wand gespielt und es wurde sich Torchance um Torchance herausgespielt. Geführt von einem überragenden Takyi (der jedoch mal lernen sollte, was man in Interviews so sagt), war unsere Offensive und insbesondere unser Mittelfeld wirklich klasse, aber (und das ist nun ein wirklich grosses ABER) wir machen unsere Chancen nicht. Und dann können Unaufmerksamkeiten in der Abwehr schnell zu einem 1-1 führen. Und dazu hatte Gladbach zwei sehr gute Chancen. Wir müssen einfach lernen, die herausgespielten Chancen besser zu nutzen. Denn wenn wir dies getan hätten, dann hätte das Spiel auch 5-1 ausgehen können und alle wären zufrieden gewesen. Außer T. vielleicht, denn dann hätte er den Topf nicht gewonnen. So bedurfte es erneut eines kleinen Geniestreiches von Takyi (und einer unglaublich guten Vorarbeit von Boll), damit wir gewinnen. Unsere Stürmer (ob sie nun Luz oder Dinzey heissen) treffen zur Zeit nicht einmal einen Möbelwagen. Und von hinten machen Lange und Prokoph auch nicht wirklich Druck. Insbesondere der Erstgenannte fällt eher durch fade Leistungen bei der 2. Mannschaft auf. Und Roman wird noch etwas brauchen, bis er so weit ist. Dies gilt auch für Abdul Yilmaz aus der 2. Mannschaft. Die beiden sind vielleicht nächstes Jahr soweit, zur Zeit aber leider noch keine Alternative. Umso dringender ist es, dass Scharping und insbesondere Stendel wieder fit werden. Insbesondere Stendel wäre ein Spieler, der in einem solchen Spiel einfach seine Bude machen würde.
Was mir auch nicht gefiel ist, dass wir uns die letzten 10 Minuten wieder komplett hinten rein drängeln liessen. Es muss wohl dringend an Kondition und insbesondere auch an Konzentration gearbeitet werden. Hier fehlt es auch an einem einstudierten Konter, der in solchen Situationen gelaufen wird. Insbesondere kann es nicht sein, dass wir in solchen Situationen zu Hause mit 11 Mann im eigenen Strafraum stehen. Da muss schon ein Anspielpartner vorne stehen, der dann auf einen der schnellen (Braun, Arifi, Takyi) ablegt, die dann Gefahr entwickeln können.
Die letzten 15 Minuten konnte Meggle noch zeigen, dass er zur Zeit in dieser Mannschaft gar keinen Platz hat. Lustlos und ohne irgendwelche Ideen trabte er über den Platz und versemmelte seine eine Chance auf eine gute Szene einfach kläglich. Zwar gefällt mir Takyi noch besser auf der Aussenbahn, kann aber in der Mitte aushelfen bis Schultz wieder fit ist. Gut aus seinem Loch herausgekämpft hat sich auch Boll, der in letzter Zeit einfach mit purem Willen und Einsatz zu überzeugen weiss. Einsatz sind auch die Stärken von Rotenbach, Braun und Bruhns, die mir alle drei gut gefallen haben. Jedoch bei Rotenbach mit der kleinen Einschränkung, dass sein Stellungsspiel auf der Linksverteidigerposition teilweise eine Katastrophe ist. Womit wir bei der anderen grossen Schwäche unseres Kaders sind. Wir haben definitiv keinen Linksverteidiger. Hauke kann das nicht (und spielt bei der 2. ja auch konsequent in der Mitte), Joy ist viel zu verletzungsanfällig und hat mich bisher nicht überzeugt und Rotenbach fightet zwar wie Sau, ist aber halt kein Linksverteidiger.
In den Jubel nach dem Spiel mischten sich dann doch sehr deutliche Pfiffe, was ich absolut übertrieben fand, weil a. gewonnen hatte und dies b. gegen einen Gegner, der auch überhaupt keinen Reibungspunkt bot, wo man sich hätte hochziehen können. Keine gelbe Karte, wenig Gegenwehr und von den Rängen eben auch nix. Und wenn wir die Chancen gemacht hätten dann wären wir alle zufrieden nach Hause gegangen (grundsätzlich auch T., wobei der allerdings… aber das erwähnte ich bereits). Wenn man aufsteigen will (und das ist ja laut eines Plakates unser Ziel) dann muss man auch mal so ein Spiel gewinnen. Und mit einem Sieg in Ahlen (ja auch nicht gerade eine Übermannschaft) stünden uns alle Wege offen. Insbesondere da sich Dynamo und Berlin schon gegenseitig die Punkte wegnehmen.
Nach dem Spiel erst zum AFM-Container, Karten einsammeln, dann zum Fanladen, dann wieder zum Klubheim, wo ich einen etwas angetrunkenen befreundeten Borussen traf, dann ins Jolly, wo die übliche Party abging. Die Poolbewohnerin hatte zwischenzeitlich schwesterlichen Beistand erhalten, Elvis hatte die Studentenparty seiner Freundin geschwänzt und die Musik war mal wieder Extraklasse. Und insgesamt wäre ich eigentlich ganz nüchtern nach Hause gegangen, wenn ich nach dem bestschmeckenden Astra ever aufgehört hätte zu trinken. Aber dann kam noch ein Vagabund daher, sagte was von Herrengedeck und Einladen und kurze Zeit später war ich dann doch etwas angeheitert.
Eine Frau behauptete dann noch, dass Frauen ja viel besser küssen würden als Männer. Ich beschloss zu gehen und auf dem Weg zur S-Bahn guckte ich noch spontan 5 Minuten ins St. Pauli-Eck, wo ein Mann (unabhängig von dem ersten Gespräch und ohne dass er davon wusste) behauptete, dass Männer viel besser küssen würden. Ungelöste Rätsel der Menschheit, würd ich sagen. Dem Autor fehlt da ein bisschen die Vergleichsmöglichkeit und nein, er möchte sie auch nicht haben. Er ist mit den Küssen, die er bekommt, sehr zufrieden ;-)
Die Rückfahrt wurde durch eine Nacht-MoPo und einen Basisten (schönes Wortspiel), der plötzlich in Ohlsdorf zustieg, überbrückt. Und eigentlich wäre es ein absolut billiger Abend gewesen, wenn ich nicht die Rücklichter eines mir nützlichen Busses gesehen hätte und so doch noch ein Taxi für 7 Euro supporten musste.
Zu Hause wurde noch kurz das Ende der World Series gefeiert und dann fiel ich ins Bett. Samstag wurde dann - wie sagt man das Neudeutsch? – gechillt.
Sonntag machte man sich dann zu viert gen Nordhorn auf um die längste Tour der 2. Mannschaft zu begleiten. Letztes Jahr noch mit einem Bus anwesend schwächelte die St. Pauli Gemeinde diesmal deutlich und war mit insgesamt nur sechs Leuten vor Ort, wobei die zwei mit dem Zug angereisten Leute einfach nur unter „durchgeknallt“ fielen, die sind ohne Witz um 7:16 losgefahren. Wir hingegen machten es uns um 10:30 nach einem ausgiebigen Frühstück im Auto bequem. Dank eines Navis von M. hatten wir kein Problem, Nordhorn und das Stadion zu finden. Witziges Spielzeug so ein Ding, insbesondere wegen der „voraussichtlichen Ankunftszeit“. Nur leider kann es einem nicht sagen, wie man nach Istanbul kommt, denn natürlich führte unser Spieltrieb dazu mal auszuprobieren, wo das Teil einen alles hingeleiten könnte.
Vor Ort angekommen, mussten wir feststellen, dass die weiter sind als wir. Die bauen schon eine Tribüne, die wohl auch ganz schick wird. Danach handelt es sich aber um ein reines Sitzplatzstadion (mit Ausnahme von vielleicht 1000 Stehplätzen), welches nicht wirklich drittligareif ist.
Dank Freikarten konnten wir es uns auf der Tribüne bequem machen und sahen ein zwar kämpferisch gutes Spiel unserer Mannschaft, das aber durch viele individuelle und haarsträubende Fehler 5-1 verloren ging. Hayko war an drei Toren nicht unbeteiligt (und war dementsprechend ganz schnell von seinem eben erworbenen Heldenstatus runter) und auch sonst liess sich die Abwehr zu schnell und zu einfach im Zweikampf austanzen. Und natürlich musste das „Phänomen“ (so der Stadionsprecher) Goolkate zweimal treffen. Ob er nun beim „besten Verein der Welt“ (noch mal der Stadionsprecher) spielt, wage ich trotz des 5-1 zu bezweifeln.
Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. Leider war der „Deutsche wehrt euch, geht nicht zu St. Pauli“-Schalträger nach dem Spiel verschwunden, wäre garantiert noch eine nette Unterhaltung gewesen.
… die Ultras von Lok Leipzig, die mit einem Banner (U und L in schwarz-weiss-rot unterlegt, darunter „Nationaler Widerstand“) zeigten, welch Geistes Kind sie sind. Es bleibt abzuwarten, wie der Verein reagiert. Hier wäre mehr gefragt als eine halbherzige Distanzierung.
… die Dresdener, die in Berlin nette Erfahrungen mit der Polizei hatten. Nun ist es natürlich so, dass die Berliner Polizei nicht wirklich angemessen reagiert und jeder Fussballfan schon über die den Kopf geschüttelt hat, aber wer Sitze auf Ordner wirft und ordentlich Bengalos zündet, der muss sich über solche Reaktionen nicht wundern. Insofern ist hier nicht nur Kritik an der Polizei, sondern auch eigene Aufarbeitung gefordert.
Was bei diesem Spiel BFCler wollten, bleibt wahrscheinlich auf ewig deren Geheimnis. Komisch ist es schon, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die mit Hertha ein gutes Verhältnis haben.
… wenn wir schon bei Hertha sind: Der Verein will das Tragen von Klamotten der Marke „Thor Steinar“ in seinem Stadion verbieten. Dazu sind laut Auskunft des Fanbeauftragten Personen mit diesen Sachen angesprochen worden und auf ein Verbot ab November hingewiesen worden. Folgendes dazu: A. sehr löblich. B. auch, dass man etwas Frist gewährt, so kann sich am Ende keiner auf sein „Nichtwissen“ zurückziehen. C. wollen die das auch bei ihren Amateuren durchziehen?
… Cottbus, wo es erneut zu rassistischen Beleidigungen von farbigen Spielern gekommen ist. Zwar wohl nur von „einzelnen“, aber auch das ist schon genug. Insbesondere da Cottbus mehrfach aufgefallen ist und die Fans letzte Woche in Aachen nix besseres zu tun hatten, als die „Rote Karten“-Aktion zu veräppeln.
… die Medien, die von einer „neuen Welle der Gewalt“ sprechen. Blödsinn, liebe Medien, es ist nicht mehr oder weniger geworden, ihr werdet nur endlich mal d